Kultstätte und Friedhof am Hexenstein

  1934, ein Jahr nach dem »unglaublichen Transport« des Meierberger Hexensteins nach Rinteln (siehe Info »Ein unglaublicher Transport«), führte der Lippische Heimatkundler Dr. August Meier-Böke Ausgrabungen am Hexenstein durch. Bei der Bergung des Hexensteins sind angeblich keinerlei Hinweise auf ein frühgeschichtliche Kultstätte gefunden worden. Meier-Böke traute diesen Aussagen allerdings nicht so recht, denn er vermutete, dass die Beteiligten seinerzeit nichts finden wollten, um  weitere Verzögerungen abzuwenden. Man kann wohl davon ausgehen, dass weder der Verein der Ehemaligen, noch  Steinbruch-unternehmer Willi Kruse ein besonderes Interesse am Nachweis frühgeschichtlicher Aktivitäten am »Hexenstein« hatten. Den einen war sehr an einem schnellen Transport, dem anderen an seinen unternehmerischen Verpflichtungen gelegen.

   Fest steht mit einiger Sicherheit, dass während der Freilegungsarbeiten am Stein verhältnismäßig starke Holzkohle- und Ascheschichten angeschnitten wurden. Dafür gab es laut Meier-Böke mehrere Zeugen. Einer von ihnen, der Ingenieur Niederbracht aus Almena, hatte Meier-Böke auf diese Beobachtungen hingewiesen. Bedeutsam waren für Meier-Böke auch die Funde zweier Spinnwirteln durch den Lehrer Schlüer (Meierberg) in nächster Umgebung der Riesensteine, die Entdeckung einer möglichen erdhügeligen Bestattung nur 20 Meter unterhalb des Findlingsbettes sowie ganz besonders die noch wache Volksüberlieferung um den »Hexenstein«.

  Dr. August Meier-Böke hatte also gute Gründe für eine archäologische Betätigung im Meierberger Gersiek. Das sah auch die Lippische Landesregierung so, die mit der Genehmigung keinerlei Schwierigkeiten machte. Im Spätsommer 1934 ging er mit Hilfe des Freiwilligen Arbeitsdienstes ans Werk. Die Ergebnisse veröffentlichte Meier-Böke er unter dem Titel »Bestattungen am heiligen Stein« in der Schriftenreihe »Heimatblätter«, einer wöchentlichen Beilage der »Schaumburger Zeitung«, im Spätherbst des Jahres 1934.
 Die Grabung beginnt
  Das Vorgehen des Grabungsleiters Meier-Böke genügte damaligen wissenschaftlichen Anforderungen, wie sein detaillierter Grabungsbericht ausweist: „Die Grabung, in den Monaten Ernting bis Scheiding mit Hilfe des Freiwilligen Arbeitsdienstes und mit Genehmigung der Lippischen Landesregierung durchgeführt, dauerte etwa drei Wochen und führte zunächst zur Aufdeckung einer Packung sowie einer ausgedehnten Brandstelle durch Nebelsiek, Remminghausen. Diese erste Packung war lang und schmal und lag dem Bachbett am nächsten (siehe Skizze Packung 1). Weitere Anlagen waren hangwärts (südlich) zu vermuten und im weiteren Verlauf der Grabung schnitten die Suchgräben denn auch bald Gesteinsanhäufungen an, deren künstlich-menschlicher Packungscharakter zweifelsfrei war.“
 
Beweisführung einleuchtend
  Die Beweisführung Meier-Bökes scheint einleuchtend. Im Folgenden die wichtigsten Begründungen: „Die Packungssteine sollen natürlich etwas decken, das unter ihnen lag. Die gesetzten Randsteine sollen dieses Überdeckte zusammenhalten. Die Verfärbungen, die Auflockerung geben sich als verweste Rückstände von Lebensstoffen (Baumsarg, Holzverschalungen, Kleiderrückstand, Leichenreste). Der Umfang der geschlossenen Packungseinheiten, 3 - 4 Meter, entspricht sowohl in seiner Gleichartigkeit wie in seiner gegebenen Größenordnung am ehesten einer Baumsargbestattung. Der Befund des Brandbettes zwischen I und II ist eine schlagende Bestätigung. An dieser Stelle wird einst das Leichenfeuer, besser das Leichenschmausfeuer aufgeloht sein. Der gegenständliche Befund ergab sich eindeutig als vorzeitlicher Friedhof.“
Die ungewöhnliche Tallage des Friedhofes finde, so Meier-Böke, ihre Erklärung durch die unverrückbare Naturerscheinung des »Hexensteins«: „In tischartiger Lagerung, am ursprünglichen Ort am rauschenden Gersieksbach, unter ernsten Wacholdern und wehrhaften Hülsen (lippisch für Stechpalme oder llex), inmitten brauner Heidebrinke, mußte dieses naturgegebene Wunder ein noch naturverbundenderes Geschlecht als das unsrige beinah zwangsläufig zur göttlichen Ergriffenheit hinleiten.“ In diesem Zusammenhang finde auch die Hügellosigkeit der Bestattungen ihre befriedigende Lösung: „Es gebrach einfach an Raum dafür, denn jeder wollte und sollte ein möglichst inniges Ruheverhältnis zum Stein gewinnen.“
  Weiteren Aufschluss brachte eine Gefäßscherbe, die unter den Packungssteinen gefunden wurde. Meier-Böke: „Die Anordnung der Steine um das Gefäßstück herum machte einen kammerartigen Eindruck. Das Erdreich innerhalb der kammerartigen Setzung war auffallend dunkel gefärbt und mit Holzkohle angereichert.“ Der vorgeschichtliche Charakter der Anlagen war durch den Scherbenfund (Keramik ist relativ leicht zu datieren) sichergestellt. Allerdings war damit der »besondere Sinn« noch nicht geklärt.

  „Es sind Bestattungen“
  Dieser erschloss sich im weiteren Grabungsverlauf, wobei den „humusartigen Verfärbungen im Lehm, die den Eindruck von vergangenen Lebensstoffen machen“ größte Bedeutung zukam. Aus Platzgründen kann  an dieser Stelle nicht der ausführliche Grabungsbericht zitiert werden. Meier-Böke kommt nach eingehender Prüfung zu folgenden Schluss: „Auch ohne den Scherbenfund weisen sich die Packungen in ihrer Eigenart als vorgeschichtlich aus. Es scheiden aus als sinngebend: Grundrisse von Behausungen, Einhegungen und Wegauffüllungen, da damit nicht einmal die Packungseinheiten als solche erklärt werden. Nur eine Lösung gibt es, die nicht allein diese, sondern auch sämtliche Gemeinsamkeiten wie Eigenheiten widerspruchsfrei aus einem Punkte deutet - es sind Bestattungen.“
  Eine schlüssige und gesicherte Zeitbestimmung war trotz aller Funde nicht möglich. Zwar deutet vieles auf die Bestattungsart der älteren Bronzezeit (Mitte des 2. Jahrtausends vor unserer Zeit) hin, die dichte „Vergesellschaftung der Bestattungen“ macht allerdings auch eine Zuordnung ins 7./8. Jahrhunderts nach unserer Zeit möglich. Fest steht, dass der »Hexenstein« über Jahrtausende eine Stätte menschlichen Wirkens war, denn die Grabung erbrachte neben vielen anderen Funden auch Feuersteingerätschaften aus der Steinzeit und Keramikfunde aus dem 16. Jahrhundert. Wenn diese natürlich nicht unbedingt im Zusammenhang mit den Bestattungen zu sehen sind, untermauern sie doch die Wahrscheinlichkeit, dass der »Hexenstein« tatsächlich eine »heilige Stätte« war.
  Meier-Böke bedauert abschließend, dass bei der Bergung des Steines nicht auf vorgeschichtliche Hinweise geachtet wurde. Er vermutete, dass die ausgeräumten Stellen wichtige Hinweise für eine genauere Datierung ergeben hätten. Zahlreiche Holzkohle- und Gesteinsvorkommen seien durch mehrere beteiligte Personen bezeugt worden. So lasse sich „vorerst von einem Friedhof am heiligen Stein, vielleicht einem Familienbegräbnis einer bäuerlichen Sippe, sprechen. Als letztes bleibt die Pflicht zur Weitergrabung.“ Diese Pflicht wird wohl nicht mehr erfüllt werden können, denn die schon zur Meier-Bökes Zeit stark gestörte Fundstelle am »Hexenstein« ist nach so langer Zeit sicher nicht ergiebiger geworden. So werden wir wohl nie erfahren, welche Bedeutung die Stätte am »Heiligen Stein« wirklich hatte.....
​    Text und Repros Hans Böhm

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Zur Person

August Meier-Böke

(1901 - 1956)

Dr. August Meier-Böke hat in seinem unaufhörlichen Forschungs- und Arbeitsdrang einen Schatz an heimat- und volkskundlichem Material zusammen getragen, das vielleicht nicht immer heutigen wissenschaftlichen Maßstäben genügt, gleichwohl aber ein unschätzbarer Beitrag für die Geschichtsschreibung Lippes ist. Bekannt wurde er vor allem durch die Artikelserie „Zick-Zack-Fahrt durch Lippe“, die in den 50er Jahren in der Lippischen Landeszeitung erschien. Von leidenschaftlicher Liebe zu seiner Heimat beseelt, hat er wohl jedes Dorf in Lippe zu Fuß, mit dem Fahrrad und später mit dem Moped besucht, zahllose Menschen befragt, Geschichte und Geschichten festgehalten, Brauchtum und Sagenwelt erforscht und auch archäologische Grabungen durchgeführt. In zahllosen Veröffentlichungen hat er seine Forschungsergebnisse für die Nachwelt verfügbar gemacht.  Darin liegt  sein größter Verdienst.
August Meier-Böke wurde am 17. Oktober 1901 als zweiter von vier Söhnen auf dem Meierhof in Langenholzhausen geboren. 1921 legte er in Bielefeld das Abitur ab. Nach zwei Jahren am Lehrerseminar in Rinteln folgte 1923 die erste Staatsprüfung als Lehrer. Von 1923 bis 1925 studierte er zunächst in Darmstadt, dann in Göttingen, Hamburg und Münster verschiedene Fächer aus dem natur- und geisteswissenschaftlichen Bereich, aber ohne Abschluss. Seit 1924 war er schriftstellerisch tätig. 1928 heiratete Meier-Böke seine Frau Emma, geborene Süvern. Das Ehepaar hatte fünf Kinder. 1927 trat er in den Schuldienst ein, allerdings bis 1934 nicht in fester Abstellung mit Rentenansprüchen. Bis 1937 unterrichtete er an der „Rektorschule" in Hohenhausen (alte Bergschule). 1937 übersiedelte er mit seiner Familie nach Detmold, unterrichtete dort zunächst an der Knaben- und später an der Mädchenschule. 1939 promovierte er als Ur- und Frühgeschichtler. Zeitlebens hatte er immer wieder mit schweren Krankheiten zu kämpfen. Vermutlich eine alte Magen-Darm-Erkrankung führte 1956 zu seinem Tod, sechs Wochen, nachdem sein einziger Sohn gestorben war.

 

Quelle: Dr. Kurt Dröge, August Meier-Böke und die Volkskunde in Lippe

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