Kindesmord im Teich

Es mögen wohl mehr als 100 Jahre her sei, da spielte sich das folgende tragische Geschehen ab. Die Geschichte ist zur Sage geworden, und doch hat sie sich so zugetragen, wie sie hier vom Nalhofer Ziegler- und Heimatichter Simon Albert (*1889  - † 1986) erzählt wird.
Ein armes Waisenkind, das weder Vater noch Mutter gekannt hatte, war auf einem der großen Bauernhöfe in Göstrup aufgewachsen. Als Kind hatte es außer mütterlichen Liebe und Fürsorge nichts entbehren müssen, und nun war es zu einem schönen Mädchen erblüht, das, mit allen Arbeiten auf dem Hofe vertraut, den Bauersleuten tatkräftig zur Hand ging. Wie so oft im Leben, kam ein Verführer. Marie in ihrer kindlichen Unerfahrenheit glaubte ihm, aber dann war er spurlos verschwunden. Das verlassene Mädchen kannte keinen Menschen, dem es sich hätte anvertrauen können, und die schwere Stunde, der es mit Bangen entgegen sah, rückte immer näher.
An einem heißen Sommertag wurde der Roggen gemäht. Marie, sonst immer die flinkeste und fleißigste, konnte heute der Sense kaum folgen. Immer wieder sah sie auf die Kornfläche, die nicht kleiner werden wollte. Endlich kam die Pause. Alle lagerten sich am schattigen Waldrand, aber Marie konnte von den guten Butterbroten keinen Bissen herunter bringen. Mit äußerster Kraftanstrengung schleppte sie sich zu einer nahen, mit Gebüsch bewachsenen Mergelkuhle. Hier brachte die Unglückliche ein Kind zur Welt. Wohl kaum wissend, was sie tat, ertränkte sie das kleine Wesen im Tümpel am Grund der Kuhle und beschwerte es mit einem Stein. Ihr langes Ausbleiben fiel auf. Der Bauer schickte einen seiner Leute, um nach dem Rechten zu sehen. Dabei wurde die Tat entdeckt.
Was im stillen Tal sich zugetragen hatte, verbreitete sich rasch wie ein Lauffeuer. Am späten Abend, als nach dem heißen Tage ein Gewitter sich entlud und der Regen vom Himmel strömte wie unaufhaltsame Tränen, erschien auch schon der Wachtmeister, um das arme Mäd­chen abzuführen. Aber es war zu schwach, ver­mochte kaum einen Schritt zu gehen. Ein Wagen mußte gestellt werden, doch als er abfahren sollte, konnte das Pferd ihn nicht von der Stelle bewegen. Die Bäuerin, nicht ohne Mitgefühl, hatte noch ein warmes Tuch hinauf gereicht und sichtlich betroffen gefragt: "Mädchen, bist du denn so schwer?" Mit leiser, tonloser Stimme kam die Antwort: „Ich nicht, aber der bei mir sitzt.” Meinte sie damit die Last ihrer tragischen Schuld? Oder hatte das Tier eine instinktive Scheu davor gehabt, der erbarmungslosen Aburteilung durch die irdische Gerichtsbarkeit Zubringerdienste zu leisten? Noch immer geistern in der alten Mergelkuhle zu mitternächtlicher Stunde die Irrlichter. "Das ist die arme Seele, die keine Ruhe findet", weiß der Volksmund zu sagen.

In einem Tümpel ertränkte das verzweifelte Mädchen ihr  Kind.

Das Pferd konnte den Wagen nicht von der Stelle bewegen, so schwer war die Last der armen Marie.

Illustrationen: Monika Gerstendorf

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