Hilteborch und die wundertätige Eiche

Die mutige Tat einer klugen Schlossherrin, die Gemahl und Gesinde rettete

Bis zum Juli 1937 stand eine seit Jahrzehnten trockene Eiche auf dem Bergsporn der Uffoburg bei Bremke, weithin bekannt als Schlosseiche. Ein heftiges Unwetter brachte sie zum Umstürzen. Bis dahin überragte der Baum den Restwald als weithin sichtbares Wahrzeichen der „Uffenburg“. Die Schlosseiche wurde als wundertätig angesehen und viele Generationen von Dorfbewohnern und Wundergläubigen aus nah und fern zogen bis 1937 auf den Schlossberg in der Hoffnung auf ein Wunder, ob in der Liebe oder bei der Heilung von Krankheiten. Vielleicht hat die Schlosseiche ja tatsächlich Wunder gewirkt (allein der Glaube hilft bekanntlich oft). Wie sonst hätte sie solange im Volksglauben und Volksmund überdauern können.
Ein Teil der Sage ist bis heute nicht widerlegt. Kein Baum und kein Strauch solle mehr anstelle der Schlosseiche wachsen, heißt es. Und in der Tat. Die Vereins
gemeinschaft der Bergdörfer versuchte seit 1993 viele Male vergeblich, eine neue Schlosseiche zum Wachsen zu bringen. Bester Versuch war eine Pflanzung zur Mitternacht bei Vollmond. Das Bäumchen gedieh prächtig bis zerstörungswütige Zeitgenossen es abbrachen. So offenkundig wie hier, war der Grund für das Scheitern der anderen Pflanzversuche nicht.
Selbst regelmäßiges Gießen und gute Pflege haben letztlich nichts bewirkt. Die Eichen kümmerten vor sich hin und gingen schließlich ein.

Der Wunderglaube geht auf eine alte, im Volksmund überlieferte Sage zurück: Zu Zeiten des Grafen Uffo wird die Burg von sehr vielen Soldaten belagert, die die Burgbewohner aushungern wollen. Als alle Vorräte samt aller Haustiere, auch Hunde und Katzen, verzehrt sind, fasst die Burgherrin Hilteborch den Entschluss, die Burg und ihre Leute mit einer List zu retten. Sie begibt sich allein mit weißem Tuch vor die Tore und vor den feindlichen Hauptmann und trägt ihm eine zweifache Bitte vor: Er möge ihr gestatten, so viel aus der Burg herauszutragen, wie sie selbst als „schwache Frau“ in einer Kiepe auf dem Rücken bewältigen vermag. Außerdem wünsche sie so viel Aussaat mitzunehmen, dass es für eine Ernte reiche, auf das ihr Geschlecht nicht ganz und gar ausgelöscht werde. Dazu schenkt sie dem Hauptmann mit Tränen in den Augen ihr schönstes Lächeln. Der Hauptmann ist gerührt und empfängt Lächeln und Tränen wie eine Gnade von einer, die doch von ihm begnadigt zu werden wünscht. Und er willigt ein, denn die Last einer einzigen Kiepe erscheint ihm sehr gering und die Aussaat der Rede nicht wert.
Und dann sehen alle, Burgbewohner und Soldaten, staunend, wie die Burgherrin ihren Gemahl in der Kiepe und noch dazu Eicheln und Bucheckern aus dem Tor und in die Freiheit trägt. Gebeugt unter der Last, aber im Gesicht ein stilles Leuchten, schleppt sie alles den Berg hinab zum Wiesengrund an der Bredenbeeke (Bremker Bach). Dort beginnen Sie und der Burgherr Eicheln und Eckern einzeln auszulegen, stufenweise den ganzen Schlossberg hinauf bis in die Burg hinein. (Dazu muss man wissen, dass die steilen Hänge zu dieser Zeit nicht bewaldet waren).
Lächelnd und ohne Tränen sagt sie dem Hauptmann, dass nun bis zur Ernte eine lange Zeit vergehen würde, viel länger als sie und der Hauptmann zu leben hätten und solange habe er ihr Leben und Freiheit zugesichert. Da zog der Hauptmann mit seinem Heer davon, weil er zu seinem Wort hat stehen müssen und auch wollen. So berichtet die Sage.
Und so wuchs der Wald auf dem Schlossberg auch lange noch, nachdem die tapfere Schlossherrin und ihr Gemahl gestorben waren und die Burg längst verlassen war. Das hat sich vor über 1100 Jahren abgespielt. Die Schlosseiche aber überdauerte dieser Legende nach als einzige die Jahrhunderte. Und da sie eben die einzige Übriggebliebene in einem Wald war, den der Wunsch einer klugen Frau hat wachsen lassen, einer Frau, die mehr vermocht hat als Männer, hat man diesem Baum mehr zugetraut als anderen Bäumen.

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